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Tüten kleben oder Steineklopfen, schuften in Fußfesseln - die Vorstellungen,
die von Gefangenenarbeit existieren, sind mittelalterlich. Nach dem Strafvollzugsrecht
sind Gefangene auch heute zu Arbeit verpflichtet, doch weniger zur Läuterung
oder als Wiedergutmachung, sondern zur Resozialisierung - sie sollen befähigt
werden, "künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu
führen".
Dass in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist über die Arbeit im Knast,
daran sind die hohen Mauern schuld, die ihn umgeben. Doch ein bisschen
einfacher ist es nun geworden, Kontakt in die geschlossene Welt des Strafvollzugs
aufzunehmen: Seit wenigen Wochen ist der erste deutsche Online-Shop, der
Produkte und Dienstleistungen aus Justizvollzugsanstalten (JVA) anbietet,
in Betrieb. Hier können Privatpersonen Waren aus Gefangenenwerkstätten
bestellen - zum Beispiel Holzspielzeug, Gartengrills oder einen Bollerwagen
aus Holz ("extrem stabil, ideal für Vatertagswanderungen oder den Transport
des Nachwuchses") - ,Firmen können Arbeitskräfte chartern.
Auf manche Produkte muss der Kunde einige Wochen warten, aber das bremst
die Nachfrage nicht. "Wer bei uns kauft, hat es nicht eilig", weiß Olaf
Grimsehl von der Justizvollzugsanstalt-Arbeitsverwaltung Niedersachsen.
Auf immerhin 400 bis 500 Zugriffe pro Tag hat sich der Internet-Verkehr
eingependelt, und in den ersten zwei Wochen wurden im JVA-Shop für etwa
10000 Mark Waren bestellt.
Warum macht der Justizvollzug den ohnedies gebeutelten E-Commerce-Firmen
Konkurrenz? Michael Buckup, Sprecher der niedersächsischen Staatskanzlei
und Betreuer der Online-Projekte des Landes, sagt: "Wir waren in Zugzwang,
denn das Land braucht in diesem Jahr mehr Geld denn je, um die Löhne der
Gefangenen bezahlen zu können." Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts
von 1998 mussten die Gefangenenlöhne erhöht werden. Der bis dahin gezahlte
Stundenlohn von etwa 1,70 Mark, so das Urteil, genüge "nicht dem vom Resozialisierungsgebot
geforderten Mindestmaß" an Anerkennung für die geleistete Arbeit. Der
Bundestag beschloss daraufhin, dass zum 1.Januar 2001 die Gefangenenlöhne
von 5 auf 7 Prozent des durchschnittlichen Arbeitsentgelts aller in der
gesetzlichen Rentenversicherung Versicherten angehoben werden. Statt etwa
215 Mark verdient ein Gefangener nun durchschnittlich 400 Mark pro Monat.
Damit steigen die Kosten für die Gefangenenlöhne zum Beispiel in Niedersachsen
von bislang 7,17 Millionen Mark auf gut 13,89 Millionen Mark. Die Regel
der Gewinnmaximierung durch Absatzsteigerung gilt hinter Gittern genauso
wie in der Wirtschaftswelt draußen. Doch an den Produkten aus dem Knast
hängt - gegenüber denen anderer gemeinnütziger Anbieter - ein Makel: "Mit
einem Aufkleber, auf 'Gefangenenarbeit' steht, sagt Buckup, "lassen sich
Handwerksprodukte deutlich schlechter verkaufen als wenn 'Behindertenwerkstatt'
drauf steht."
Die Informationen, die die Website zusätzlich zum Produktangebot bietet,
sollen helfen, das Hauptabsatzhhemmnis der Gefangenenarbeit zu beseitigen:
Vorurteile, dass die Häftlinge mit der Peitsche zu Arbeit angehalten würden,
dass die Produkte nicht fachgerecht gearbeitet seien oder dass es denen
da drin nur recht geschehe, wenn sie hinter Mauern versauern. Bisher gab
es für Knast-Produkte kaum Konzepte für die Vermarktung. Mund-zu-Mund-Propaganda
war die einzige Werbemaßnahme. Verkaufsplätze sind rar und Gefängnisläden
die Ausnahme. Das Internet soll nun den Markt öffnen. Weib aber im Etat
des niedersächsischen Justizministeriums kaum Geld für das Projekt zur
Verfügung stand, wandte Buckup sich an die Fachhochschule Hannover. Zusammen
mit dem Fachbereich für Medien und Gestaltung wurde eine kostengünstige
Lösung gesucht.
Schließlich fand sich ein Student, der den Shop im Rahmen seiner Diplomarbeit
konzipierte: Steffen Rümpler (30) bekam bei der Gestaltung freie Hand.
Einfach sollte es sein, so die einzige Vorgabe des Ministeriums, damit
der Sprung vom Karteikasten zur Datenbank für die EDV-Anfänger in der
Verwaltung nicht zu groß würde.
Rümpler, der mittlerweile eine eigene Multimedia-Agentur betreibt, schult
nun die Angestellten der Vollzugsanstalten, damit diese selbständig das
Angebot pflegen können. Die Kosten für die Entwicklung des Shops betrugen
etwa 30 000 bis 40 000 Mark, sehr wenig im Vergleich zu kommerziellen
Shops. "So etwas macht man aus Interesse, oder man lässt es", so der Start-up-Unternehmer,
"reich wird man damit nicht."
Vor allem das Angebot von Dienstleistungen aus den JVAs soll im Shop bekannt
gemacht werden, weil dort die meisten Arbeitsplätze entstehen. Das Angebot
an Jobs in den Knästen reicht längst nicht für alle Inhaftierten - die
Hälfte der Gefangenen in Niedersachsen sind ohne Beschäftigung. Das Internet
soll nun die Anfrage ankurbeln.
Während die Handwerksprodukte aus den Anstalten etwas genauso viel kosten
wie normale Ware, sind die Dienstleistungen vergleichsweise günstig. Dass
die Jugendanstalt Göttingen-Leineberg einen Partyservice unterhält, zählt
eher zu den Skurrilitäten. Hauptsächlich werden Hilfs- und Anlernarbeiten
angeboten, zum Beispiel Sortieren, Preiseaufkleben, Verpacken oder Nähen.
Für einige kleinere Unternehmen, die diese Dienste in Anspruch nehmen,
sind sie lebenswichtig geworden. So etwa für die Firma Prisma Textil aus
Burgwedel, die ihre gesamte Fertigung in die JVA Salinenmoor bei Celle
verlegt hat. "Unsere Maschinen füllen dort eine ganze Halle", sagt Inhaber
Thomas Morcinek. "Wenn wir unsere Haushaltstextilien nicht dort anfertigen
lassen könnten, müssten wir dichtmachen. Gegen die Preise aus Fernost,
wo die Konkurrenz produziert, hätten wir dann keine Chance."
Dass ein Produkt aus dem Bau in ernsthaften Wettbewerb zu Industrieware
treten könnte, ist schwer vorstellbar. In den USA ist das möglich: Die
Eastern Oregon Correctional Institution in Pendleton, Oregon, vertreibt
äußerst erfolgreich Jeans über das Internet. Dort werden die Hosen und
Jacken mit Attributen wie "original" oder "authentic" beworben, und es
klingt wie ein besonderes Qualitätsmerkmal: "They're really made in prison."
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