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Presseecho: DieWoche, 16. März 2001

 
 

Kaufhaus Knast

Von Katrin Viertel

 
 

Tüten kleben oder Steineklopfen, schuften in Fußfesseln - die Vorstellungen, die von Gefangenenarbeit existieren, sind mittelalterlich. Nach dem Strafvollzugsrecht sind Gefangene auch heute zu Arbeit verpflichtet, doch weniger zur Läuterung oder als Wiedergutmachung, sondern zur Resozialisierung - sie sollen befähigt werden, "künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen".
Dass in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist über die Arbeit im Knast, daran sind die hohen Mauern schuld, die ihn umgeben. Doch ein bisschen einfacher ist es nun geworden, Kontakt in die geschlossene Welt des Strafvollzugs aufzunehmen: Seit wenigen Wochen ist der erste deutsche Online-Shop, der Produkte und Dienstleistungen aus Justizvollzugsanstalten (JVA) anbietet, in Betrieb. Hier können Privatpersonen Waren aus Gefangenenwerkstätten bestellen - zum Beispiel Holzspielzeug, Gartengrills oder einen Bollerwagen aus Holz ("extrem stabil, ideal für Vatertagswanderungen oder den Transport des Nachwuchses") - ,Firmen können Arbeitskräfte chartern.
Auf manche Produkte muss der Kunde einige Wochen warten, aber das bremst die Nachfrage nicht. "Wer bei uns kauft, hat es nicht eilig", weiß Olaf Grimsehl von der Justizvollzugsanstalt-Arbeitsverwaltung Niedersachsen. Auf immerhin 400 bis 500 Zugriffe pro Tag hat sich der Internet-Verkehr eingependelt, und in den ersten zwei Wochen wurden im JVA-Shop für etwa 10000 Mark Waren bestellt.
Warum macht der Justizvollzug den ohnedies gebeutelten E-Commerce-Firmen Konkurrenz? Michael Buckup, Sprecher der niedersächsischen Staatskanzlei und Betreuer der Online-Projekte des Landes, sagt: "Wir waren in Zugzwang, denn das Land braucht in diesem Jahr mehr Geld denn je, um die Löhne der Gefangenen bezahlen zu können." Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1998 mussten die Gefangenenlöhne erhöht werden. Der bis dahin gezahlte Stundenlohn von etwa 1,70 Mark, so das Urteil, genüge "nicht dem vom Resozialisierungsgebot geforderten Mindestmaß" an Anerkennung für die geleistete Arbeit. Der Bundestag beschloss daraufhin, dass zum 1.Januar 2001 die Gefangenenlöhne von 5 auf 7 Prozent des durchschnittlichen Arbeitsentgelts aller in der gesetzlichen Rentenversicherung Versicherten angehoben werden. Statt etwa 215 Mark verdient ein Gefangener nun durchschnittlich 400 Mark pro Monat. Damit steigen die Kosten für die Gefangenenlöhne zum Beispiel in Niedersachsen von bislang 7,17 Millionen Mark auf gut 13,89 Millionen Mark. Die Regel der Gewinnmaximierung durch Absatzsteigerung gilt hinter Gittern genauso wie in der Wirtschaftswelt draußen. Doch an den Produkten aus dem Knast hängt - gegenüber denen anderer gemeinnütziger Anbieter - ein Makel: "Mit einem Aufkleber, auf 'Gefangenenarbeit' steht, sagt Buckup, "lassen sich Handwerksprodukte deutlich schlechter verkaufen als wenn 'Behindertenwerkstatt' drauf steht."
Die Informationen, die die Website zusätzlich zum Produktangebot bietet, sollen helfen, das Hauptabsatzhhemmnis der Gefangenenarbeit zu beseitigen: Vorurteile, dass die Häftlinge mit der Peitsche zu Arbeit angehalten würden, dass die Produkte nicht fachgerecht gearbeitet seien oder dass es denen da drin nur recht geschehe, wenn sie hinter Mauern versauern. Bisher gab es für Knast-Produkte kaum Konzepte für die Vermarktung. Mund-zu-Mund-Propaganda war die einzige Werbemaßnahme. Verkaufsplätze sind rar und Gefängnisläden die Ausnahme. Das Internet soll nun den Markt öffnen. Weib aber im Etat des niedersächsischen Justizministeriums kaum Geld für das Projekt zur Verfügung stand, wandte Buckup sich an die Fachhochschule Hannover. Zusammen mit dem Fachbereich für Medien und Gestaltung wurde eine kostengünstige Lösung gesucht.
Schließlich fand sich ein Student, der den Shop im Rahmen seiner Diplomarbeit konzipierte: Steffen Rümpler (30) bekam bei der Gestaltung freie Hand. Einfach sollte es sein, so die einzige Vorgabe des Ministeriums, damit der Sprung vom Karteikasten zur Datenbank für die EDV-Anfänger in der Verwaltung nicht zu groß würde.
Rümpler, der mittlerweile eine eigene Multimedia-Agentur betreibt, schult nun die Angestellten der Vollzugsanstalten, damit diese selbständig das Angebot pflegen können. Die Kosten für die Entwicklung des Shops betrugen etwa 30 000 bis 40 000 Mark, sehr wenig im Vergleich zu kommerziellen Shops. "So etwas macht man aus Interesse, oder man lässt es", so der Start-up-Unternehmer, "reich wird man damit nicht."
Vor allem das Angebot von Dienstleistungen aus den JVAs soll im Shop bekannt gemacht werden, weil dort die meisten Arbeitsplätze entstehen. Das Angebot an Jobs in den Knästen reicht längst nicht für alle Inhaftierten - die Hälfte der Gefangenen in Niedersachsen sind ohne Beschäftigung. Das Internet soll nun die Anfrage ankurbeln.

Während die Handwerksprodukte aus den Anstalten etwas genauso viel kosten wie normale Ware, sind die Dienstleistungen vergleichsweise günstig. Dass die Jugendanstalt Göttingen-Leineberg einen Partyservice unterhält, zählt eher zu den Skurrilitäten. Hauptsächlich werden Hilfs- und Anlernarbeiten angeboten, zum Beispiel Sortieren, Preiseaufkleben, Verpacken oder Nähen. Für einige kleinere Unternehmen, die diese Dienste in Anspruch nehmen, sind sie lebenswichtig geworden. So etwa für die Firma Prisma Textil aus Burgwedel, die ihre gesamte Fertigung in die JVA Salinenmoor bei Celle verlegt hat. "Unsere Maschinen füllen dort eine ganze Halle", sagt Inhaber Thomas Morcinek. "Wenn wir unsere Haushaltstextilien nicht dort anfertigen lassen könnten, müssten wir dichtmachen. Gegen die Preise aus Fernost, wo die Konkurrenz produziert, hätten wir dann keine Chance."
Dass ein Produkt aus dem Bau in ernsthaften Wettbewerb zu Industrieware treten könnte, ist schwer vorstellbar. In den USA ist das möglich: Die Eastern Oregon Correctional Institution in Pendleton, Oregon, vertreibt äußerst erfolgreich Jeans über das Internet. Dort werden die Hosen und Jacken mit Attributen wie "original" oder "authentic" beworben, und es klingt wie ein besonderes Qualitätsmerkmal: "They're really made in prison."

 
     
  (C) DieWoche, 16. März 2001